TechEd 2013: Die SAP gibt ihren größten Trumpf aus der Hand

[authorBox image=“http://uzuner-solutions.de/wp-content/uploads/2013/07/portrait_jml.jpg“ name=“Jan-Martin Lichte“]Auch wenn die SAP-Beratung nicht unbedingt DAS Schwerpunkt-Thema unseres Portfolios ist, verfolgen wir dennoch interessiert das Geschehen rund um die deutsche Mammut-Software. Zu den neuesten Ankündigungen aus dem Marketing der SAP AG äußert sich unser Geschäftsführer Jan.[/authorBox]

Vergangene Woche berichtete die Computerwoche über neue Pläne der SAP AG zum Strukturwandel ihres Produktporfolios. Zitiert wurde hier die Eröffnungsrede von Vishal Sikka, Chief Technology Officer der SAP AG, auf der SAP TechEd Vegas2013, der größten SAP-Konferenz für Architekten, Entwickler und Techniker.

Bezugnehmend auf das ABC-Referenz-Modell Douglas Engelbart, welches A- und B-Activities wie folgt definiert:

  • A-Activity: Aktivitäten des Kerngeschäfts
  • B-Activity: A-Activity unterstützende Maßnahmen zur Verbesserung von Zeiteffizienz und Qualität,

sagte Sikka doch tatsächlich:

„Unsere A-Tätigkeit sind die Plattformen“, überraschte Sikka sein Publikum. „Die B-Aufgaben sind unsere Applikationen, die es uns ermöglichen, die Plattformen zu bauen.“

Mit „Plattformen“ ist insbesondere die Hasso-Plattner-Erfindung HANA gemeint, eine neue Datenbanktechnologie, die mit Hilfe von In-Memory-Technik die Performance beim Zugriff auf sehr große Datenmengen dramatisch verbessert.

Soweit so gut. Ist ja wunderbar, dass SAP endlich einmal etwas für die Performance tut.

Aber deswegen gleich die strategische Ausrichtung des Weltkonzerns auf die Plattformen verlagern? Das macht aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn und ist komplett kontraproduktiv. SAP verliert damit den Fokus auf seinen größten Trumpf und seine eigentliche Stärke: Die unternehmensweit integrierten Business-Applikationen haben in den 80er und 90er Jahren zu enormen Produktionssteigerungen geführt und dadurch die Vormachtstellung von SAP als weltweit führendes ERP-System begründet. Diese Kernkompetenz jetzt als B-Tätigkeit abzuqualifizieren, halte ich für ignorant und brandgefährlich.

Die Komplexität liegt in der Applikation

Nach über 20 Jahren in der SAP-Beratung habe ich eins gelernt: Die Musik spielt in der Applikationslogik. Hier findet der Transfer vom Business in die Software statt. Hier liegen die größten Herausforderungen in puncto Komplexität. Hier sind wahre Kreativität und Pragmatismus notwendig, um für vielfältige Anforderungen des Business eine zufriedenstellende Lösung unter engen Zeit- und Budgetvorgaben zu liefern.

Hardware, Netz-Infrastruktur und Datenbank – im SAP-Jargon „Basis“ genannt – sind auch wichtig und bei Großunternehmen komplex, keine Frage. Aber dennoch handelt es sich hierbei im Wesentlichen um eine „Commodity“, d.h. einen in beliebiger Menge und zu einem günstigen Preis verfügbaren Rohstoff für die eigentliche Anwendung.

Sicher fallen angesichts einer blühenden Open-Source-Szene auch im Applikationsgeschäft die Preise. Aber bei Hardware und Infrastruktur gilt ungebrochen das Mooresche Gesetz: alle 2 Jahre die doppelte Leistung fürs gleiche Geld. Bei Software und Service ist das nicht so und kann auch nicht so sein, aus Gründen, die ich gern bei einem Kölsch diskutieren werde.

Übersieht da Sikka nicht etwas?

SAP hat natürlich ein Problem: die Applikationen für die wichtigsten Geschäftsprozesse sind längst implementiert und lizenziert. Hier lässt sich nur noch wenig Neugeschäft für den Marktführer generieren. Da sind wir als Implementierungspartner noch besser dran. Aber deshalb gleich die Kernkompetenz und das Alleinstellungsmerkmal des Weltkonzerns als „B-Tätigkeit“ abwerten? Ich habe den dumpfen Verdacht, dass da lediglich ein Controller auf die Umsatzzahlen geschaut und daraus abgeleitet hat, welches die Geschäftsfelder der Zukunft sind. Meiner Meinung nach ist es aber vermessen, aus nackten Zahlen eine Vision entwickeln zu wollen. So sind noch nie technologische Innovationen entstanden. Diese rein finanziell getriebene Motivation deutet Sikka sogar selber an:

„Unser aktuelles Geschäft schrumpft. Aber unser neues Business wächst viel schneller, so dass es die Rückgänge ausgleichen kann. Wir befinden uns schon inmitten einer Transformation.“

Mit dieser rein kommerziellen Denke kann man doch aber kein Innovationsführer bleiben. Das ist Nach-Rennen, nicht Vor-Denken.

SAP, quo vadis?

 

Mein Kommentar bezieht sich auf diesen Artikel, der am 23.10.2013 in der Computerwoche erschien: SAP setzt alles auf HANA.



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